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Bruno Manser Fonds Aktualisierung 2001-05-25 |
Documentation "Mahnbaum für Bruno Manser"Texte für BrunoVon Lars Wolf, Basel, im Mai 2001 Da, wo das Leben sich entschieden auf den Weg gemacht hat, unter den Kindern unserer Stadt, in den Schulen, aus denen die jungen Menschen mit ihrem Engagement heraustreten, weil sie sich berühren liessen, weil sie sich bewegen liessen, weil auch sie die Vision des siebenfarbigen Bogens teilten, da begegneten wir uns immer wieder, selbst neu ermutigt an einer Arche der Hoffnung zu bauen. Hier entstand die folgende Geschichte eines Spinners, die Geschichte Noahs, die immer wieder neu geschrieben werden muss. Die Durchsichtigkeit dieser Hoffnung hat uns verbunden, verbindet uns noch - unter dem Bogen des Friedens.
Spinner nennt man Leute, die weitab von Meeren und Flüssen auf dem Trocken ein Schiff bauen. Miesmacher und Pessimisten nennt man solche, die von schlimmen Folgen reden und Miene machen, nicht mehr mit zu tun. Und wenn sie gar versuchen, andere von ihrem Tun und Lassen ab zu bringen, sie vielleicht sogar daran zu hindern, dann nennt man sie eine Gefährdung, am Ende sogar kriminell. Da steht er, der Spinner, von den Nachbarn belächelt, eine echte Rarität, dieser Kauz, und zimmert ein Haus. Was kann ein einzelner schon erreichen? - Manchmal zweifelt er selbst an seiner Vernunft. Wenn nun die Wellen der Zerstörung tatsächlich hereinbrechen sollten, wird dann sein Kahn Leben retten und erhalten können? Er aber ringt weiter, der Spinner, um jeden Quadratmeter Leben. "Blödsinn! Es geht doch jeden Tag die Sonne auf, und der Mond kehrt immer noch alle vier Wochen zurück. Der Spinner soll doch aufhören von Zerstörung zu faseln; Krisen hat es schliesslich immer gegeben...... schütteln die Nachbarn ihre verärgerten Köpfe. Doch er zimmert weiter, baut ein Haus, schafft Lebensraum. "Aber aber - ein Schiff auf dem Trockenen?!" Immerhin, einige nehmen Notiz von ihm. Ernsthaft aber nur wenige. "Was wollen Sie denn alleine schon ausrichten?" fragen einige in längst entmutigtem Ton. "Ja, wenn alle mitmachen würden, dann... Aber Sie wissen ja, wie's ist..." "Nach mir die Sintflut", meint einer von ihnen, nachdem er den Arbeiten des Spinners eine Weile zugesehen hat, sagt es leise bei Weggehen: "Nach mir die Sintflut; ich will's noch schön haben. Ich musste schliesslich lange genug schuften für mein bisschen Wohlstand!" Es bleibt unverstanden, was sich den Augen zeigt, auch die wamenden Worte dieser seltsamen Figur mit der etwas nervösen Falte auf der Stim, auch sie bleiben unverganden. Innehalten und aufhorchen beschwört er. "Was, innehalten, aufhorchen? - Worauf? Wofür? - Mann, wo leben Sie eigentlich? - Sehen Sie denn nicht: morgen machen wir die Welt selber, bald kennen wir die letzten Geheimnisse des Lebens. Da kann uns dann nichts und niemand mehr!" Inzwischen tauchen Bilder und Artikel über diesen "eigenartigen Weltbeglücker" auch in den Zeitungen auf. Da ist die Rede von einer zweifelhaften Erscheinung, einem echten Risiko gar. Andere wissen von einem etwas naiven Idealisten zu berichten. In einer Zeitung finden sich in grossen Buchstaben die Zeilen, fett gedruckt: "Fällt uns bald der Himmel auf den Kopf - Rätselhafte Warnungen eines geheimnisvollen Schiffbauers". Der Spinner indessen lässt sich kaum beeindrucken von den wirren Stimmen um sich her und baut weiter an seinem wunderlich anmutenden Kasten. "Mann", entrüsten sich einige fortschrittsbewusste Beobachter, "haben Sie denn nichts besseres zu tun, als an einem Modell zu basteln: Projekt Lebensraum ... ? Es gibt wichtigeres für den Fortschritt der Menschheit zu tun!" Andere schmunzeln nur über diesen ihnen gar nicht unsympathischen Tagträumer und lachen: "Na, wohl zu sentimental und ein bisschen zu viel Fantasie, was? - Zu viele Groschenromane und Ammenmärchen gelesen, wie?" Während wieder andere im eleganten Zweireiher nervös an ihren Zigarren saugen und in halb gewinnend belehrendem, halb warnendem Ton ihn unter vorgehaltener Hand - oder auch öffentlich anrufen: "Mann, seien Sie bloss still! Sie bringen ja die Leute durcheinander. Das gefährdet die Moral - und die Wirtschaft." "Investieren Sie besser bei uns", bemühen sich ganz Gescheite ihm zu erklären, die wissen, wie man vorwärts kommt und wie man seine Zukunft sichert. "Investieren Sie bei uns, da kriegen Sie noch Zinsen und haben Rendite; und werfen Sie Ihr Vermögen nicht zum Fenster hinaus für romantische Seifenblasen." Und aus der Menge der zahlreichen Schaulustigen tritt eine kleine gewitzte Gestalt mit einem von gewinnverheissenden Ideen strahlenden Gesicht an den unermüdlich regen Spinner heran: Nett, die Idee, die Sie da haben, ein bisschen verrückt, gefällt mir. Das wäre doch was für den Ferienprospekt: Projekt-Urlaub - oder Romantisches Ueberlebenstraining - oder so... Vielleicht kann man noch einmal darauf zurückkommen." Aber der Spinner wartet, weit entfernt von jeglicher Romantik, in seinem Kasten auf die Fluten der Zerstörung und versucht zu retten, was zu retten ist. Werden seine Anstrengungen reichen? - Und seine Kraft? Manchmal überkommt ihn traurige Müdigkeit, und er fragt sich, ob sein Einsatz wohl den Herausforderungen Stand halten wird. Zweifel ziehen herauf und angesichts der blind Zuschauenden das fahle Gefühl, dass doch alles umsonst ist. Nein, jetzt nicht aufgeben; es geht ums Ueberleben einer bedrohten Welt, das fährt er sich ernst vor Augen. Und er versucht wieder in jedem Winkel zu arbeiten, seine Hand darauf zu legen, Leben zu schützen. Und dann bricht es herein: viel Unglück und grausige Zerstörung. Kalt und erstickend breiten sich die mörderischen Massen der Vernichtung aus, eine reissende Flut. Und sie reissen an seinem Kasten. Das Haus, das er gebaut hat, um darin Leben zu retten, ächzt. Aber es gibt keinen Rückweg. Nur den Weg vorwärts in die Hoffnung, dass der Einsatz fürs Lebendige sich lohnt, und die Erde nicht unter der Flut, die sie selber hervorgebracht hat, erstickt, darin elend ertrinkt. Es ist jedoch schmerzlich zu sehen, wie Leben kaputt geht, Wälder sterben, Tierarten plötzlich von der Bildfläche verschwinden, während riesige Massen von Schutt , von Beton und Asphalt wie die Gletscher der Eiszeit über die Natur sich wälzen, während eine Flut zäh-braunen Oels über die Meere sich ergiesst und das Leben dort und an den Küsten unter einer klebrigen Schicht erdrosselt, während Schwaden giftigen Rauchs zum Himmel schlagen und den Lebensraum totbringend durchsetzen... Aber, die Ströme des Unheils, sie werden gebrochen am Rumpf seines Schiffes. Sein Haus, das des Spinners, vermag Leben zu schützen - über Zeiten hinweg. Bis eines Tages das Unheil ein Ende findet, und die Fluten der Zerstörung mit der Zeit auf der Erde zurückgehen. Da steht er, der Kasten des Spinners, wieder auf trockenem Land. Aber niemand mehr ist da, der ihn einen Spinner nennt. Und er öffnet zögernd eine Luke im Kasten - die Gefahr scheint vorüber - und entlässt eine Taube. Sie kommt allerdings zu ihm zurück, weil sie noch keinen Halt finden kann in der zurückgelassenen Ocdnis. Und er nimmt sie hinein in sein Haus. Und er wartet und hofft, dass er die Türen seines bergenden Hauses wieder wird öffnen können in eine gefahrlose Freiheit. Wieder sendet er eine Taube aus, die zu ihm zurückk-ehrt mit einem Anzeichen von Leben, das neu entsteht, einem Olivenblatt im Schnabel. Und er wartet noch einmal, und seine Hoffn ' ung wächst, dass der Irrsinn des Menschen nicht über die Erde triumphiert und das Leben zerstört. Nach einer Zeit öffnet er erneut für die Taube das Dach seiner bergenden Arche. Und nun kehrt sie nicht mehr zu ihm zurück, weil die Freiheit ihr Leben ermöglicht und jetzt überspannt ist vom Bogen des Friedens, dem Zeichen der Hoffnung für Noah - und auch für uns. Lars Wolf |