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Bruno Manser Fonds
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Aktualisierung 2001-05-25

Documentation "Mahnbaum für Bruno Manser"

Texte für Bruno

Bruno Manser lebt!
Ein offener Brief an den Schweizer Umweltaktivisten

von Peter Fahr

Lieber Bruno

Nach Angaben Deiner Angehörigen gibt es von Dir seit dem 23. Mai 2000 kein Lebenszeichen mehr. Damals wolltest Du Dich auf der Insel Borneo im malaysischen Gliedstaat Sarawak auf Nachtmärschen durch den Dschungel zu Deinen Freunden durchschlagen, den letzten Penan-Waldnomaden. In Malaysia giltst Du als Staatsfeind, weil Du die Eingeborenen im Kampf gegen die Abholzung des Regenwaldes unterstützest. Darum ist anzunehmen, dass Du heute nicht mehr am Leben bist.

Ich erinnere mich: Im Orwellschen Jahr 1984 reist Du nach Sarawak und wirst von den Penan als einer der ihren aufgenommen. Du passt Dich ihrer Lebensweise an, sprichst ihre Sprache, gehst mit dem Blasrohr zur Jagd, ernährst Dich von Sago und Affenfleisch. Doch die Ureinwohner sind besorgt; internationale Holzfirmen walzen mit Bulldozern und Motorsägen den Wald nieder, um den Hunger der Industrieländer nach edlen Tropenhölzern zu stillen. Als Schweizer illegal im Land, organisierst Du den Widerstand. Ende März 1987 errichten Hunderte von Frauen, Kindern und Alten die ersten von unzähligen Blockaden, die den Raubbau verhindern sollen. Es kommt zu Schauprozessen und zu Verhandlungen mit der Regierung, die unnachgiebig bleibt. Die Nomaden wehren sich weiter: Schlüssel von Lastwagen oder Bulldozern werden entwendet, Benzinvorräte vernichtet, und im August erfolgen mehrere Brandanschläge auf Holzfällerbrücken. 1988 setzen die Holzfirmen ein Kopfgeld auf Dich aus. Unter abenteuerlichen Umständen gelingt es Dir, in die Schweiz zurückzukehren, wo Du die Öffentlichkeit auf die Situation der Penan aufmerksam machst. Du setzest Dich ein für ein Tropenholz-Importverbot und eine klare Deklaration der Hölzer in den Geschäften. Du schreibst das bewegende Buch »Stimmen aus dem Regenwald - Zeugnisse eines bedrohten Volkes« (Zytglogge Verlag und WWF, Bern 1992) und illustrierst es gleich selber mit wunderbaren kolorierten Zeichnungen. Du veranstaltest Workshops, sprichst vor Schulklassen, hältst Vorträge an Kongressen und führst immer wieder spektakuläre Aktionen durch, beispielsweise einen 60-tägigen Hungerstreik vor dem Bundeshaus. Dein Einsatz ist total und bringt Dich oft an die Grenzen Deiner physischen Belastbarkeit. Doch Du gibst nicht auf.

Wir haben uns nach einem ersten brieflichen Austausch im Jahr 1993 kennen gelernt, als ich mein Buch »Ego und Gomorrha - Texte wider die Suizidgesellschaft« herausgab. Du teiltest meine Analyse der an, der Konflikt wird sichtbar und vermehrt auch offen ausgetragen. Die massive Gewaltanwendung auf beiden Seiten der Öko-Front belegt diese Entwicklung. Wir haben der Natur den Krieg erklärt und damit den Samen gesät für den künftigen Krieg zwischen den Menschen. An der Öko-Front stehen sich Umweltschützer und -zerstörer gegenüber: Hin und wieder fallen Schüsse, vereinzelt explodieren Bomben, ein paar Schiffe werden ausgeschaltet, ein paar Anschläge verübt; und hin und wieder muss ein Mensch dran glauben - zum Beispiel 1967 die amerikanische Gorilla-Forscherin Dian Fossey und 1988 der brasilianische Naturschützer Francisco Mendes. Noch sind die Armeen nicht aufgestellt, die Führer bleiben unentschlossen, noch ist die Schlacht nicht ausgebrochen; aber die Gräben sind ausgehoben, die Stellungen eingerichtet und die Grenzen abgesteckt. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis die verfeindeten Parteien sich organisieren und aufeinanderstürzen.

Wenn ich meiner Befürchtung eines ökologischen Weltbürgerkriegs in Essays und Gedichten Gestalt gebe, sehe ich Dein Gesicht vor mir. Du schaust mich seelenruhig an, Bruno, und lächelst. Du hast Gewalt als Mittel zum Zweck immer abgelehnt. Dein ziviler Widerstand war geprägt von kreativer Phantasie und einer entwaffnenden Menschlichkeit. Verbitterung war Deine Sache nicht. Am 21. Mai 1990 hast Du mir in einem Brief geschrieben: »Das Element des 'Positiven' ist elementar. Heisst es doch: 'Schau .ins Licht, und du wirst leuchten! Schau ins Dunkel, und das Dunkle verschlingt dich!' Also, schauen wir vorwärts und leisten wir beispielhaft den uns möglichen kleinen Teil im Dienste zum Ganzen. Vor allem in der Aufklärung und Veränderung des Konsum-Verhaltens, nicht nur abstrakt, doch mit praktischen Hinweisen und Taten liegt ein erster Schritt: 'Wer begreift und nicht handelt, hat nicht begriffen!'« Eine Gesellschaft, die sich selbst umbringt, ist die Summe von Einzelwesen, die sich selbst umbringen. Die gesellschaftliche Degeneration ist ein Gradmesser für die individuelle. So liegt das Schicksal der Menschheit, trotz Angst und Ohnmachtsgefühlen des Einzelnen, in dessen Hand. Denn wer sich selbst demaskiert, demaskiert die Gesellschaft; und wer sich selbst verändert, verändert das Ganze.

Um das globale Unglück abzuwenden, sind drei Schritte notwendig. Erstens müssen wir zugeben, dass wir persönlich mitbeteiligt sind an der Vernichtung von Pflanzen, Tieren und andern Menschen, dass wir Mörder sind - im Begriff, Selbstmord zu begehen. Zweitens sind die Hochleistungsmotoren der Suizidgesellschaft zu drosseln, das heisst, wir müssen die Voraussetzungen schaffen für den sofortigen Stopp des Wirtschaftswachstums. Und drittens müssen Moral- und Wertvorstellungen sowohl dem Menschen, als auch der Natur verpfli chtet sein und bestenfalls ein 'organisches' Wirtschaftswachstum zulassen. Wir sind aufeinander angewiesen. Diese Erkenntnis muss uns ein für allemal davon überzeugen, dass der Wille zur gegenseitigem Beherrschung und derjenigen der Natur ein grosser Irrtum ist. Nur die Besinnung auf die Kraft der Kommunikation, auf Versöhnung, Mitgefühl, Fürsorge und Partnerschaft kann den Weg ebnen aus der zwischenmenschlichen wie ökologischen Krise.

Geschichte schlägt sich nieder in Geschichten. Deine Geschichte, Bruno, ist eine Geschichte von Selbstüberwindung und Verständigung. Ein Mensch macht sich auf zu andern Menschen, die von der Welt im Stich gelassen werden, und erfährt etwas, das stärker ist als der Krieg, stärker als der Tod: die Freundschaft. Über alle Grenzen hinweg: Vertrauen und Freundschaft.

Du bist radikal gewesen. Radikalität ist nicht Militanz. Radikal ist jemand, der nach den Ursachen eines Problems sucht, indem er sich nicht mit Baumstamm und Krone begnügt, sondern vordringt bis zu den Wurzeln im Erdreich. Militanz hingegen bleibt an der Oberfläche, sucht die einfachste Lösung für das Problem, sie gibt sich zufrieden mit der Kettensäge und fällt den Baum. Radikale Menschen sind provokativ und schöpferisch, militante aggressiv und zerstörerisch. Was wir heute brauchen, ist nicht Militanz, sondern Radikalität! Du hast es uns vorgelebt. Du hast gewusst: Die Macht der Herrschenden ist die Angst der Untertanen. Du hast aber auch gewusst: Das Schreckliche ist überwindbar durch die Unerschrockenheit des Einzelnen. Die Verteidigung der menschlichen Vernunft gegen die Entmündigung der Massen durch Politiker und Global players hat Individuen nötig, die sich der Herausforderung des Geistes stellen. Sie hat den Einzelnen nötig, der sein Denken und Fühlen befreit von ökonomischen Fesseln, der aufsteht und dem Wahn der Profitmaximierung die Bereitschaft der Solidarität entgegensetzt.

»Den allzu kalten Politikern können wir nur eine Wärme entgegenhalten, die selbst losgelöst von allem noch ihren Sinn und Wert behält: Die schlichte Liebe zum Leben!« Diese Worte hast Du mir am 26. September 1994 geschrieben, und sie haben mich tief beeindruckt. Aus ihnen sprechen Glauben und Hoffnung. Glauben heisst: sich dem Unglaublichen stellen. Ohne dieses seelische Wagnis wird die Wirklichkeit zum Gefängnis. Ohne Glauben gibt es keine Hoffnung. Und Hoffnung gibt es nur in Verbindung mit Verantwortung. Viele Menschen haben Deine Wärme gespürt, lieber Bruno, sie geht nicht verloren. Durch sie bleibst Du für immer lebendig.

Dein Peter

 

Peter Fahr (Schriftsteller, Bern)

wurde 1958 in Bern geboren und studierte Germanistik und Kunstgeschichte. Nach ersten Buchveröffentlichungen (Gedichte, Geschichten, Collagen) und viel beachteten Plakat-Aktionen mit Aphorismen schrieb er Hörspiele, u.a. für Radio DRS 1. Danach publizierte er Bücher mit zeitkritischen Essays und politischer Lyrik. Auf eine Sammlung von Liebesgedichten folgte im Jahr 2000 sein erstes Kinderbuch. Peter Fahrs literarisches Schaffen wurde verschiedentlich ausgezeichnet.

Wichtigste Veröffentlichungen
  • Berner Kälte./ Eine Collage (Edition Erpf, 1983)
  • TagTraumLiebe / Geschichten (brennesselverlag-edition b, 1985)
  • Nächte, licht wie Tage / Gedichte, mit Bildern von Max Spring (Benteli Verlag, 1990)
  • Ego und Gomorrha / Essays, mit einem Vorwort von Jean Ziegler (Nemesis Verlag, 1993)
  • Fahrlässig / Ein poetisches Bilderbuch, mit einem Geleitwort von Kurt Marti (Nemesis Verlag, 1995)
  • Dem Unendlichen nah / Liebesgedichte, mit einem Vorwort von Dorothee Sölle (Nemesis Verlag, 1998)
  • Nono Nilpferd, mit Bildern von Hanspeter Schmid (Palazzo Verlag, 2000)
 


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