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Bruno Manser Fonds
Heuberg 25
4051 Basel
Schweiz
Tel. +41 61 261 94 74
Fax +41 61 261 94 73
info@bmf.ch
Aktualisierung 2001-05-25
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Texte für Bruno
Bruno Manser lebt!
Ein offener Brief an den Schweizer Umweltaktivisten
von Peter Fahr
Lieber Bruno
Nach Angaben Deiner Angehörigen gibt es von Dir seit dem 23. Mai
2000 kein Lebenszeichen mehr. Damals wolltest Du Dich auf der Insel Borneo
im malaysischen Gliedstaat Sarawak auf Nachtmärschen durch den Dschungel
zu Deinen Freunden durchschlagen, den letzten Penan-Waldnomaden. In Malaysia
giltst Du als Staatsfeind, weil Du die Eingeborenen im Kampf gegen die
Abholzung des Regenwaldes unterstützest. Darum ist anzunehmen, dass
Du heute nicht mehr am Leben bist.
Ich erinnere mich: Im Orwellschen Jahr 1984 reist Du nach Sarawak und
wirst von den Penan als einer der ihren aufgenommen. Du passt Dich ihrer
Lebensweise an, sprichst ihre Sprache, gehst mit dem Blasrohr zur Jagd,
ernährst Dich von Sago und Affenfleisch. Doch die Ureinwohner sind
besorgt; internationale Holzfirmen walzen mit Bulldozern und Motorsägen
den Wald nieder, um den Hunger der Industrieländer nach edlen Tropenhölzern
zu stillen. Als Schweizer illegal im Land, organisierst Du den Widerstand.
Ende März 1987 errichten Hunderte von Frauen, Kindern und Alten die
ersten von unzähligen Blockaden, die den Raubbau verhindern sollen.
Es kommt zu Schauprozessen und zu Verhandlungen mit der Regierung, die
unnachgiebig bleibt. Die Nomaden wehren sich weiter: Schlüssel von
Lastwagen oder Bulldozern werden entwendet, Benzinvorräte vernichtet,
und im August erfolgen mehrere Brandanschläge auf Holzfällerbrücken.
1988 setzen die Holzfirmen ein Kopfgeld auf Dich aus. Unter abenteuerlichen
Umständen gelingt es Dir, in die Schweiz zurückzukehren, wo
Du die Öffentlichkeit auf die Situation der Penan aufmerksam machst.
Du setzest Dich ein für ein Tropenholz-Importverbot und eine klare
Deklaration der Hölzer in den Geschäften. Du schreibst das bewegende
Buch »Stimmen aus dem Regenwald - Zeugnisse eines bedrohten Volkes«
(Zytglogge Verlag und WWF, Bern 1992) und illustrierst es gleich selber
mit wunderbaren kolorierten Zeichnungen. Du veranstaltest Workshops, sprichst
vor Schulklassen, hältst Vorträge an Kongressen und führst
immer wieder spektakuläre Aktionen durch, beispielsweise einen 60-tägigen
Hungerstreik vor dem Bundeshaus. Dein Einsatz ist total und bringt Dich
oft an die Grenzen Deiner physischen Belastbarkeit. Doch Du gibst nicht
auf.

Wir haben uns nach einem ersten brieflichen Austausch im Jahr 1993 kennen
gelernt, als ich mein Buch »Ego und Gomorrha - Texte wider die Suizidgesellschaft«
herausgab. Du teiltest meine Analyse der an, der Konflikt wird sichtbar
und vermehrt auch offen ausgetragen. Die massive Gewaltanwendung auf beiden
Seiten der Öko-Front belegt diese Entwicklung. Wir haben der Natur
den Krieg erklärt und damit den Samen gesät für den künftigen
Krieg zwischen den Menschen. An der Öko-Front stehen sich Umweltschützer
und -zerstörer gegenüber: Hin und wieder fallen Schüsse,
vereinzelt explodieren Bomben, ein paar Schiffe werden ausgeschaltet,
ein paar Anschläge verübt; und hin und wieder muss ein Mensch
dran glauben - zum Beispiel 1967 die amerikanische Gorilla-Forscherin
Dian Fossey und 1988 der brasilianische Naturschützer Francisco Mendes.
Noch sind die Armeen nicht aufgestellt, die Führer bleiben unentschlossen,
noch ist die Schlacht nicht ausgebrochen; aber die Gräben sind ausgehoben,
die Stellungen eingerichtet und die Grenzen abgesteckt. Es scheint nur
eine Frage der Zeit, bis die verfeindeten Parteien sich organisieren und
aufeinanderstürzen.
Wenn ich meiner Befürchtung eines ökologischen Weltbürgerkriegs
in Essays und Gedichten Gestalt gebe, sehe ich Dein Gesicht vor mir. Du
schaust mich seelenruhig an, Bruno, und lächelst. Du hast Gewalt
als Mittel zum Zweck immer abgelehnt. Dein ziviler Widerstand war geprägt
von kreativer Phantasie und einer entwaffnenden Menschlichkeit. Verbitterung
war Deine Sache nicht. Am 21. Mai 1990 hast Du mir in einem Brief geschrieben:
»Das Element des 'Positiven' ist elementar. Heisst es doch: 'Schau
.ins Licht, und du wirst leuchten! Schau ins Dunkel, und das Dunkle verschlingt
dich!' Also, schauen wir vorwärts und leisten wir beispielhaft den
uns möglichen kleinen Teil im Dienste zum Ganzen. Vor allem in der
Aufklärung und Veränderung des Konsum-Verhaltens, nicht nur
abstrakt, doch mit praktischen Hinweisen und Taten liegt ein erster Schritt:
'Wer begreift und nicht handelt, hat nicht begriffen!'« Eine Gesellschaft,
die sich selbst umbringt, ist die Summe von Einzelwesen, die sich selbst
umbringen. Die gesellschaftliche Degeneration ist ein Gradmesser für
die individuelle. So liegt das Schicksal der Menschheit, trotz Angst und
Ohnmachtsgefühlen des Einzelnen, in dessen Hand. Denn wer sich selbst
demaskiert, demaskiert die Gesellschaft; und wer sich selbst verändert,
verändert das Ganze.
Um das globale Unglück abzuwenden, sind drei Schritte notwendig.
Erstens müssen wir zugeben, dass wir persönlich mitbeteiligt
sind an der Vernichtung von Pflanzen, Tieren und andern Menschen, dass
wir Mörder sind - im Begriff, Selbstmord zu begehen. Zweitens sind
die Hochleistungsmotoren der Suizidgesellschaft zu drosseln, das heisst,
wir müssen die Voraussetzungen schaffen für den sofortigen Stopp
des Wirtschaftswachstums. Und drittens müssen Moral- und Wertvorstellungen
sowohl dem Menschen, als auch der Natur verpfli chtet sein und bestenfalls
ein 'organisches' Wirtschaftswachstum zulassen. Wir sind aufeinander angewiesen.
Diese Erkenntnis muss uns ein für allemal davon überzeugen,
dass der Wille zur gegenseitigem Beherrschung und derjenigen der Natur
ein grosser Irrtum ist. Nur die Besinnung auf die Kraft der Kommunikation,
auf Versöhnung, Mitgefühl, Fürsorge und Partnerschaft kann
den Weg ebnen aus der zwischenmenschlichen wie ökologischen Krise.
Geschichte schlägt sich nieder in Geschichten. Deine Geschichte,
Bruno, ist eine Geschichte von Selbstüberwindung und Verständigung.
Ein Mensch macht sich auf zu andern Menschen, die von der Welt im Stich
gelassen werden, und erfährt etwas, das stärker ist als der
Krieg, stärker als der Tod: die Freundschaft. Über alle Grenzen
hinweg: Vertrauen und Freundschaft.
Du bist radikal gewesen. Radikalität ist nicht Militanz. Radikal
ist jemand, der nach den Ursachen eines Problems sucht, indem er sich
nicht mit Baumstamm und Krone begnügt, sondern vordringt bis zu den
Wurzeln im Erdreich. Militanz hingegen bleibt an der Oberfläche,
sucht die einfachste Lösung für das Problem, sie gibt sich zufrieden
mit der Kettensäge und fällt den Baum. Radikale Menschen sind
provokativ und schöpferisch, militante aggressiv und zerstörerisch.
Was wir heute brauchen, ist nicht Militanz, sondern Radikalität!
Du hast es uns vorgelebt. Du hast gewusst: Die Macht der Herrschenden
ist die Angst der Untertanen. Du hast aber auch gewusst: Das Schreckliche
ist überwindbar durch die Unerschrockenheit des Einzelnen. Die Verteidigung
der menschlichen Vernunft gegen die Entmündigung der Massen durch
Politiker und Global players hat Individuen nötig, die sich der Herausforderung
des Geistes stellen. Sie hat den Einzelnen nötig, der sein Denken
und Fühlen befreit von ökonomischen Fesseln, der aufsteht und
dem Wahn der Profitmaximierung die Bereitschaft der Solidarität entgegensetzt.
»Den allzu kalten Politikern können wir nur eine Wärme
entgegenhalten, die selbst losgelöst von allem noch ihren Sinn und
Wert behält: Die schlichte Liebe zum Leben!« Diese Worte hast
Du mir am 26. September 1994 geschrieben, und sie haben mich tief beeindruckt.
Aus ihnen sprechen Glauben und Hoffnung. Glauben heisst: sich dem Unglaublichen
stellen. Ohne dieses seelische Wagnis wird die Wirklichkeit zum Gefängnis.
Ohne Glauben gibt es keine Hoffnung. Und Hoffnung gibt es nur in Verbindung
mit Verantwortung. Viele Menschen haben Deine Wärme gespürt,
lieber Bruno, sie geht nicht verloren. Durch sie bleibst Du für immer
lebendig.
Dein Peter
Peter Fahr (Schriftsteller, Bern)
wurde 1958 in Bern geboren und studierte Germanistik und Kunstgeschichte.
Nach ersten Buchveröffentlichungen (Gedichte, Geschichten,
Collagen) und viel beachteten Plakat-Aktionen mit Aphorismen schrieb
er Hörspiele, u.a. für Radio DRS 1. Danach publizierte
er Bücher mit zeitkritischen Essays und politischer Lyrik.
Auf eine Sammlung von Liebesgedichten folgte im Jahr 2000 sein erstes
Kinderbuch. Peter Fahrs literarisches Schaffen wurde verschiedentlich
ausgezeichnet.
Wichtigste Veröffentlichungen
- Berner Kälte./ Eine Collage (Edition Erpf,
1983)
- TagTraumLiebe / Geschichten (brennesselverlag-edition
b, 1985)
- Nächte, licht wie Tage / Gedichte, mit Bildern
von Max Spring (Benteli Verlag, 1990)
- Ego und Gomorrha / Essays, mit einem Vorwort von
Jean Ziegler (Nemesis Verlag, 1993)
- Fahrlässig / Ein poetisches Bilderbuch, mit
einem Geleitwort von Kurt Marti (Nemesis Verlag, 1995)
- Dem Unendlichen nah / Liebesgedichte, mit einem
Vorwort von Dorothee Sölle (Nemesis Verlag, 1998)
- Nono Nilpferd, mit Bildern von Hanspeter Schmid
(Palazzo Verlag, 2000)
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